Geschichte der Wiedenbrücker Schule

Das Wiedenbrücker Kunsthandwerk erlebte mit der Wiedenbrücker Schule seine Hochzeit, hat seine Anfänge aber bereits im ausgehenden Mittelalter. Viele erhaltene Fachwerkhäuser aus dem 15., 16., 17. und 18. Jahrhundert, die heute noch das Stadtbild bestimmen, zeugen von dem handwerklichen Geschick der Wiedenbrücker Kunsthandwerker jener Zeit.Die Geschichte der Wiedenbrücker Schule begann 1854: Der 27-jährige Franz Anton Goldkuhle kehrte nach seiner Lehrzeit in Warendorf an seinen Geburtsort Wiedenbrück zurück, um sich mit einer Kunsttischlerwerkstatt selbstständig zu machen. 

Ein Giebel am „Wiedenbrücker Künstlerhaus“, welches zum Gebäudekomplex des Museums gehört. Das über 100 Jahre alte Haus wurde von Kunsthandwerkern der Wiedenbrücker Schule üppig verziert. Es reit sich damit ein in die Jahrhunderte alte Tradition künstlerisch gearbeiteter Fachwerkhäuser in Wiedenbrück.

Zu Anfang schnitzte er vor allem Kruzifixe und Holzschuhe für die ländliche Bevölkerung. Sein Fleiß und seine handwerklichen Fähigkeiten führten jedoch recht schnell dazu, dass er auch anspruchsvollere Aufträge bekam.

Die Wiedenbrücker Schule ist untrennbar mit ihm verknüpft: Franz Anton Goldkuhle. (Portrait um 1900)

1863/64 fertigte Franz Anton Goldkuhle den Hochaltar für die Wiedenbrücker Franziskanerkirche an und knüpfte dadurch gleichzeitig Kontakte zu kirchlichen Auftraggebern. Die daraus resultierenden Aufträge waren so vielfältig, dass Goldkuhle 1865 bereits 25 Mitarbeiter beschäftigte und sich auf kirchliche Inneneinrichtungen spezialisieren konnte.

Viele talentierte Künstler und Kunsthandwerker arbeiteten für Franz Anton Goldkuhle bis sie sich mit ihren eigenen Werkstätten und Ateliers zwischen den 1860er und 1890er Jahren selbstständig machten. So begab es sich, dass in Wiedenbrück zwischen den 1840er und 1930er Jahren über 25 Werkstätten und Ateliers für historistische kirchliche und weltliche Kunst und Kunsthandwerk existierten. 

Jede Werkstatt hatte eine eigene Spezialisierung. So gab es Kunsttischler, Bildhauer, Altarbauer, Maler, Polychromeure, Ornamentiker und andere Kunsthandwerker. Da die Kirchen Hauptauftraggeber waren, wurden die Arbeiten fast ausschließlich in den historistischen Stilen der Neo-Gotik oder Neo-Romanik gefertigt. Die oft akademisch ausgebildeten Künstler und Kunsthandwerker in Wiedenbrück arbeiteten als Netzwerk von Werkstätten und teilten Aufträge untereinander auf. Diese Arbeitsweise ist in der deutschen Wirtschaftsgeschichte und Kunstgeschichte einmalig.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich der Begriff der Wiedenbrücker Schule für diesen Verbund von Wiedenbrücker Werkstätten für Kunst und Kunsthand-werk des Historismus entwickelt. Dabei waren es zunächst die Künstler und Kunsthandwerker selbst, die von der Wiedenbrücker Schule sprachen, und unter diesem Oberbegriff werbewirksam den besonderen Stil, die Qualität und die spezielle Arbeitsweise des historistischen Wiedenbrücker Kunsthandwerks zu-sammenfassten. Der Begriff Wiedenbrücker Schule umfasst in seiner heutigen Bedeutung außerdem die Ausbildung sowie die Nachwuchsförderung der Wiedenbrücker Künstler und Kunsthandwerker.

Die Werkstatt Mormann, eine der angesehensten Wiedenbrücker Werkstätten, um das Jahr 1900. Mindestens 10 Kunsthandwerker waren ständig im Hause Mormann beschäftigt. Die Werkstatt Mormann war auf Bildhauerei spezialisiert und pflegte gute Verhältnisse zu den anderen Wiedenbrücker Werkstätten, die sie regelmäßig an ihren Aufträgen beteiligte.
Von Wiedenbrück in die Welt: Schematische Darstellung von weltweiter Nachfrage nach Wiedenbrücker Schule. (Bitte klicken Sie auf das Bild für eine etwas größere Darstellung.)
Die Wiedenbrücker Schule brachte auch sehr begabte Maler hervor. Hier arbeitet Fritz Burmann an einem seiner Werke. Er war, wie viele seiner Wiedenbrücker Kollegen, akademisch ausgebildet und leitete über 10 Jahre die Meisterklasse an der Kunstakademie Königsberg. Gelernt hatte er im Atelier Repke, dem wohl bekanntesten Maler-Atelier der Wiedenbrücker Schule.

Die Zeit der Wiedenbrücker Schule erreichte um die Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt. In einer ausgehenden Epoche weitreichender internationaler Migration und vor dem Hintergrund des deutschen Kolonialismus breitete sich die Reputation der Wiedenbrücker Schule weit über die Grenzen Deutschlands hinaus aus. Dementsprechend stieg die weltweite Nachfrage nach Wiedenbrücker Kunsthandwerk; nicht zuletzt wegen der Erschließung neuer deutscher Siedlungsgebiete. Aufträge kamen in jener Zeit aus vielen europäischen Staaten, darunter Groß-Britannien, Frankreich, Italien und die Niederlande. Im Westen gelangten Werke der Wiedenbrücker Schule bis nach Kanada, in die USA, nach Lateinamerika und Brasilien. Im Süden wurde bis nach Zentral-Afrika geliefert. Und im Osten schließlich fand man Wiedenbrücker Kunsthandwerk unter anderem in Jerusalem, aber auch in China. Die Wiedenbrücker Schule leistete somit einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für die Weltgeschichte und die Kunstgeschichte des Historismus.

Zusätzlich gab es ab dem Ende des 19. Jahrhunderts eine institutionelle „Wiedenbrücker Schule“, denn nach Streitigkeiten mit dem preußischen Staat eröffnete eine Gewerbeschule für Kunsthandwerker in Wiedenbrück. Diese löste die staatliche Handwerker-fortbildungsschule ab, die bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts existierte, deren Zeichenunterricht jedoch nicht der Qualität entsprach, welche die Wiedenbrücker Werkstätten für ihre Ausbildung vorsahen. Die Wiedenbrücker Modellier- und Zeichenschule war genau auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Wiedenbrücker Werkstätten zuge- schnitten und löste die staatliche Ausbildungsschule ab. 

Zeichnung des alten Schulgebäudes der Wiedenbrücker Modellier- und Zeichenschule für Kunsthandwerker. Das Haus ist mittlerweile Neubauten gewichen; es stand südlich des Marktplatzes „In der Halle 3“. Im Hintergrund ist noch die Kirchturmspitze von St. Aegidius zu sehen.

Zunächst bestand sie lediglich in der Form von Sonntagsunterricht, bevor Anfang des 20. Jahrhunderts ein neu errichtetes Schulgebäude die eigenständige Modellierschule beheimatete. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges wurde die Wiedenbrücker Schule für Kunsthandwerker zunächst geschlossen. Mitte der 1920er Jahre aber wurde sie auf Bestreben der Wiedenbrücker Künstler und Kunsthandwerker neu eingerichtet. Ab 1930 fanden daher erneut Kurse im eigens umgebauten, alten Finanzamt in Wiedenbrück statt. Spätestens nach dem 2. Weltkrieg schloss die Wiedenbrücker Gewerbeschule nach jetzigem Kenntnisstand endgültig ihre Pforten.